Seit den frühesten menschlichen Kulturen gab und gibt es Abbildungen des täglichen Lebens in Miniaturform. Dieser Brauch reicht weit zurück – bis zu den alten Pharaonen, deren Grabbeigaben aus kleinen Figuren und Utensilien des täglichen Lebens bestanden. Der Wunsch, die eigene Wirklichkeit im Kleinen nachzubilden, ist so alt wie die Zivilisation selbst.
Von den Anfängen zur Sammelkunst
Die eigentliche Geschichte regelrechter Puppenhäuser ist jedoch „nur" rund dreihundert Jahre alt. Die frühesten kunstvollen Häuser entstanden im Westen Europas, wo das gehobene Bürgertum und der Adel sich gern mit schönen Dingen umgaben. Was lag da näher, als die eigene, sorgfältig eingerichtete Welt im Maßstab en miniature zu wiederholen? Diese frühen Stücke waren keineswegs Kinderspielzeug, sondern kostbare Sammlerobjekte und Statussymbole erwachsener Liebhaber.
Niederländische Kabinettschränke
Zu den größten Liebhabern der Miniatur zählten die Niederländer des 17. Jahrhunderts. Sie begannen, prachtvolle Kabinettschränke mit kuriosen Kleinigkeiten zu füllen – ganze Häuser, verborgen hinter den Türen eines edlen Möbels. Diese Kabinetthäuser gehören zu den kostbarsten Miniaturen ihrer Zeit; das berühmte Puppenhaus der Petronella Oortman im Amsterdamer Rijksmuseum kostete seinerzeit so viel wie ein echtes Grachtenhaus.
Die Nürnberger Häuser
Die ältesten erhaltenen echten Puppenhäuser mit vollständigem Inventar finden wir hingegen in Nürnberg. Die Stadt war ein Zentrum der Spielzeug- und Feinmechanikkunst, und ihre Puppenhäuser und Puppenküchen des 17. und 18. Jahrhunderts dienten zugleich der Freude und der Erziehung: An der „Nürnberger Küche" lernten junge Mädchen den Haushalt kennen. Viele dieser Stücke sind heute im Germanischen Nationalmuseum zu sehen.
Ein Spiegel seiner Zeit
Für alle, die sich für die kleinen Abbilder der Wirklichkeit und für die Vergangenheit begeistern, ist kaum etwas so faszinierend wie ein Puppenhaus. Denn es spiegelt exakt den Geschmack einer Epoche wider – die Art zu wohnen, zu kochen und zu leben, im kleinsten Maßstab. Der Stil der Häuser zeigt den architektonischen Geist seiner Zeit; die Möbel verraten den sozialen Rang und den Geschmack der jeweiligen Generation. Tapeten, Öfen, Porzellan und Textilien folgen getreu den großen Vorbildern.
Die viktorianische Blütezeit
Ihre reichste Ausprägung erlebte die Puppenhauskultur im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mit der Industrialisierung wurden Miniaturmöbel und -zubehör in großer Vielfalt gefertigt, und das Puppenhaus wanderte allmählich aus der Vitrine des Sammlers ins Kinderzimmer. Häuser der Jahre 1850 bis 1940 bilden bis heute das Herz vieler Sammlungen – auch dieser. Wie aus verlorenen und beschädigten Stücken wieder lebendige kleine Welten werden, beschreibt der Bereich Das Museum. Weiterführende Hinweise zur Kulturgeschichte bietet der Überblick zur Geschichte des Puppenhauses.